
(Quelle: Cellesche Zeitung vom 17.11.2011)
Nichts ist für einen jungen Menschen weiter weg und unvorstellbarer, als irgendwann einmal alt zu sein. Man fühlt sich fit, stark und die Welt steht einem offen. Warum auch sollte da ein Gedanke daran verschwendet werden, dass man in siebzig oder achtzig Jahren gebrechlich und auf die Hilfe andere angewiesen sein wird, stimmt's?
Nein, stimmt nicht ganz: Schüler aus der Freien Aktiven Schule Celle haben sich Gedanken darüber gemacht, was es bedeuten kann alt zu sein. Und wie es wohl ist, wenn man in einem Altenheim lebt und täglich hofft, dass die lieben Verwandten, die Töchter, Söhne und Enkel einen besuchen. Oder wenigstens die Pfleger ein nettes Wort und ein wenig Zeit für einen übrig haben. "Wir haben darüber auch mit einem Vater von unserer Schule gesprochen, der in einem Altenpflegeheim arbeitet. Denn die alten Menschen, die aus welchen Gründen auch immer ins Seniorenheim gehen, haben ja trotzdem noch das Bedürfnis, ernst genommen und geliebt zu werden. Die kann man ja nicht einfach abschieben und dann nicht weiter an sie denken", überlegt Jana Plonski, 14 Jahre.
So kam es, dass sich die Schülerin zusammen mit einigen
ihrer Klassenkameraden dazu entschlossen hat, einmal in der Woche das Johanniter-Altenpflegeheim zu besuchen. Dort helfen die Jugendlichen mit, kümmern sich um die Bewohner, gehen mit ihnen spazieren oder unterhalten sich einfach eine Weile mit ihnen.
Und vor allen Dingen bringen sie etwas ganz besonderes mit: Zeit. Sie nehmen sich immer zwei Stunden und machen das, was gerade wichtig ist. So sind sie beispielsweise regelmäßig bei der Gymnastikstunde für demenzkranke Bewohner des Johanniter Altenpflegeheimes dabei. Und da geht es oftmals viel lustiger zu, als man glauben möchte. Wenn beispielsweise das Reifenspiel dran ist, bei dem ein Holzreifen von einem Bewohner zum nächsten gerollt wird, dann haben nicht nur die älteren Gymnastikkursusteilnehmer ihre Freude daran. Konzentriert machen auch die Schüler mit. Sie haben die Gruppe im Blick, versuchen, wenn der Reifen einmal bei ihnen angerollt kommt, ihn an einen der Teilnehmer weiter zu rollen, der vielleicht noch nicht dran war. Sie sehen den Adressaten ihrer Reifensendung an und ermutigen ihn freundlich. "Manchmal trauen sich die Teilnehmer nicht zu, den Reifen fangen zu können. Aber oft schaffen sie es dann doch noch. Deshalb sage ich auch immer: ,versuchen Sie es doch einfach mal. Sie schaffen das bestimmt'. Und wenn einer mal daneben trifft, dann versuche ich den Reifen trotzdem zu fangen, damit er nicht glaubt, dass er es nicht richtig gemacht hat", erklärt die 12jährige Gesa Marquardt.
Jetzt ist Erika Voss an der Reihe. Sie lächelt Gesa an und dann gibt sie dem Reifen einen kräftigen Schubs. Er rollt, wackelt ein wenig und landet dann bei der jungen Schülerin. Die strahlt zu Frau Voss rüber: "Echt super! Konnte man gut fangen", freut sie sich über den geglückten Versuch.
Über das freiwillige Engagement der Schüler freut sich auch die Gymnastikkursusleiterin Elke Waraxa. "Es ist wirklich eine Bereicherung für uns alle, dass die jungen Leute regelmäßig zu uns kommen. Mich hat es sehr beeindruckt, dass sie sich das selber überlegt haben. Das ist heutzutage wirklich nicht selbstverständlich, wo viele doch gerne als erstes an sich selber und das eigene Vergnügen denken. Und den Schülern merkt man wirklich an, dass sie gerne hier sind, Freude daran haben, sich mit den Bewohnern zu befassen und diese auch wirklich ins Herz geschlossen haben", lobt Waraxa den Einsatz der Jugendlichen.

Dann steht ein weiterer Höhepunkt der Gymnastikstunde auf dem Programm: Sitztanz. Die Schüler grinsen sich gegenseitig an, die Bewohner freuen sich: Beim Sitztanz geht's munter zu. Jana legt eine CD ein und dreht die Anlage auf. Lustige Marschmusik erklingt und dann fängt man an: Zuerst macht Elke Waraxa den Tanz einmal für alle vor. Und das ist gar nicht so einfach: Das rechte Fußgelenk wird gedreht, dann das linke, dann klatschen und zwar mit der rechten Hand aufs rechte Bein, mit der linken Hand aufs linke Bein und dann noch mal über Kreuz. Da kommen auch schon mal die Schülerinnen aus dem Takt. Aber das macht nichts. Schließlich ist man hier, um gemeinsam Freude an der Bewegung zu haben - und das haben augenscheinlich alle.
Und nach der Trinkpause, bei der die Schüler jedem Bewohner eine leckere Saftschorle gebracht haben, geht es weiter mit dem Apfelklautanz. Dabei müssen erst oben, dann
unten und dann bei dem Nachbarn imaginäre Äpfel gemopst und dann - stampf, stampf, stampf - nach Hause getragen werden. "Das ist echt lustig. Und ich finde die Leute hier wirklich sehr nett. Es ist auch interessant, was sie zu erzählen haben - ich höre mir das gerne an. Es ist tatsächlich so, dass wir uns auf die Donnerstage hier im Seniorenheim der Johanniter freuen. Schließlich ist das ja
auch ein Projekt, das wir uns selber ausgedacht haben. Das
ist bei uns auf der Schule so. Da gibt es keine festen, starren Lehrpläne und Frontalunterricht. Wir befassen uns da mit Themen, die uns wichtig sind und unsere Lehrer unterstützen uns dabei", erklärt die selbstbewusste
Schülerin. Und dann ist die Gymnastikstunde auch schon zu Ende. Anstrengend war es und ziemlich lustig. Allen hat es Spaß gemacht. "Könntet ich einmal Gertrud mit dem Rollwagen helfen? Ach ja, und den Fahrstuhl könntet ihr auch schon einmal rufen", bittet Waraxa ihre jungen Helfer.
Diese machen sich gut gelauntans Werk. Während sie den Bewohnern helfen zurück in den Gemeinschaftsbereich oder in ihre Zimmer zu kommen, unterhalten sich die Schüler freundlich mit ihnen. "Schließlich will ich ja später, wenn ich alt bin, auch noch ernst genommen werden und
möchte, dass sich andere Menschen mit mir befassen und sich mit mir unterhalten. Und deshalb mache ich das jetzt auch. Außerdem sind die Leute hier im Seniorenheim so lieb. Es macht wirklich Freude, Zeit mit ihnen zu verbringen", betont Gesa. Auch Waraxa lobt den Umgangston der Schüler: "Ich kann mich wirklich nur positiv äußern. Die Schüler sind sehr engagiert, fleißig und merken auch, wo gerade Hilfe gebraucht wird. Ich finde es auch sehr vorbildlich, dass sie sich auf diese Weise ehrenamtlich engagieren. Man muss sich das mal vor Augen halten. Die Jugendlichen, die zu uns kommen, sind teilweise zwölf, dreizehn Jahre alt", betont sie. Und dann sind die zwei Stunden auch schon wieder rum. Nachdem sich die drei Mädchen verabschiedet haben, schwingen sie sich auf ihre Räder und machen sich auf den Weg zurück zur Schule.
Autor: Janine Jakubik
Fotograf: Torsten Volkmer

